Psychoonkologische Versorgung

Die Diagnose Krebs verängstigt und schockiert PatientInnen und Angehörige wie kaum eine andere Erkrankung. Meist wird alles, was jemals zum Thema Krebs gehört oder gelesen wurde, abgerufen. Dieser Schockzustand hält einige Tage an. An das aufklärende Gespräch, das der Arzt/die Ärztin mit dem Patienten/der Patientin geführt hat, erinnern sich die meisten oft nur mehr bruchstückhaft.

Nichts ist mehr so, wie es war

Nach einer Krebsdiagnose brechen häufig auch Lebensperspektiven ein, die zuvor für ganz selbstverständlich gehalten wurden. Oft treten Angst, Verzweiflung, Wut und das Gefühl des Überwältigtseins an ihre Stelle. Zu den eigenen Ängsten um die Gesundheit kommen oft Sorgen, wie Familie und Partner/Partnerin mit der Situation zurechtkommen, dass der Arbeitsplatz verloren gehen könnte, wenn man nicht ganz schnell wieder zurückkommt und dadurch auch finanzielle Probleme zur großen Belastung werden. Viele PatientInnen fragen sich auch, wie sie die Therapie „schaffen“ sollen, ist doch die Angst vor den Nebenwirkungen groß und die Information darüber oft gering.

Angehörige sind keine „Anhängsel“

Die Nachricht von der Erkrankung kann auch bei der Familie, FreundInnen und KollegInnen ein Gefühlschaos auslösen. Die richtigen Worte zu finden, richtig zu handeln und sinnvoll zu helfen, fällt den meisten in dieser Situation schwer. Aus Sorge, Hilflosigkeit und Angst wird daher häufig geschwiegen. Manchmal reagiert das Umfeld aber auch mit Hyperaktivität und überschüttet den Patienten/die Patientin mit Tipps und Erfahrungsberichten anderer. Die meisten PatientInnen berichten, dass sie das als verwirrend und verunsichernd empfinden. Besonders negativ reagieren PatientInnen auf – zwar gut gemeinte – Phrasen wie „Nur nicht unterkriegen lassen“ oder die „Zauberformel vom positiven Denken“. Sie empfinden das als kontraproduktiv und überhaupt nicht hilfreich, wenn man gerade mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde. Auch der von den meisten Medien bemühte Ausdruck „den Kampf gewinnen/verlieren“ ist für PatientInnen belastend. Diese Vorstellung vom „Kämpfen“ erweckt den Eindruck, dass nur „Kämpfen“ und positives Denken die Krankheit besiegen können.

Angst durch Wissen ersetzen

Nicht selten suchen PatientInnen und Angehörige im Internet und in den sozialen Medien nach fehlenden Informationen, Erfahrungsberichten anderer Betroffener und nach Prognosen für ihre Erkrankung und stoßen dabei auf ungesicherte Seiten und selbsternannte Wunderheiler.

Beratung und Hilfe bei der Österreichischen Krebshilfe

In den 63 Beratungsstellen der Österreichischen Krebshilfe suchen jährlich rd. 30.000 KrebspatientInnen und Angehörige Beratung und Hilfe. 100 topausgebildete Krebshilfe-Beraterinnen stehen für alle Anliegen und individuelle Hilfsangebote zur Verfügung. Das Unterstützungsangebot ist kostenlos und umfasst alle Bereiche der Psychoonkologie, Ernährungsberatung, sozial-rechtliche Beratung, medizinische Beratung, Unterstützung bei der Kommunikation mit Kindern von an Krebs erkrankten Eltern („Mama/Papa hat Krebs“), Unterstützung bei Fragen zu „Sexualität und Krebs“ und die finanzielle Soforthilfe für PatientInnen, die durch die Erkrankung auch in finanzielle Not geraten sind. Dieses umfassende Hilfsangebot für PatientInnen und Angehörige ist kostenlos.

Isolation, Einsamkeit und zusätzliche Ängste durch die Pandemie

Die Einschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen haben die ohnehin schon schwierige Situation von KrebspatientInnen erschwert und – so wie die Krebsdiagnose selbst – Auswirkungen auf die emotionale, mentale und körperliche Gesundheit. Unwissenheit, Ungewissheit über die Lage und Dauer der Pandemie, Schreckensnachrichten und -bilder aus der ganzen Welt haben Ängste und Belastungen massiv verstärkt. Gerade in Krisenzeiten war und sind Beratung, Begleitung, Information – also umfassende Unterstützung – wichtiger denn je. Zu Beginn der Pandemie im März 2020 standen vor allem die Angst vor Ansteckung im Fokus, aber auch Unsicherheit im Hinblick auf geplante Untersuchungen und Behandlungen im Krankenhaus bzw. auf später verschobene Termine von Behandlungen. Für die Krebshilfe-Beraterinnen war eine starke Diskrepanz zwischen dem Wunsch der PatientInnen nach Nähe zu ihren Angehörigen und FreundInnen bei gleichzeitiger Angst vor dieser Nähe und einer möglichen Infektion spürbar. Die empfohlene soziale Isolation wurde einerseits als Sicherheitsmaßnahme akzeptiert und eingehalten, hat aber auf der anderen Seite die psychische Not und Einsamkeit verstärkt. Vor allem die Besuchseinschränkungen in den Krankenhäusern und die oft nicht erlaubte Möglichkeit, mit einer Begleitperson zu Befundbesprechungen zu kommen, wurden als sehr belastend erlebt.

Häufig wurde die Frage nach der Zugehörigkeit zur Risikogruppe und den damit verbundenen arbeitsrechtlichen Konsequenzen gestellt. Mit der anhaltenden Dauer der Pandemie veränderten sich die Inhalte der Anfragen und Beratungen. Besonders die Corona-Impfung hat große Verunsicherung bei PatientInnen ausgelöst. Vordergründig wurden Ängste bezüglich möglicher Unverträglichkeiten der Impfung oder der Wahl des Impfstoffes thematisiert. Ebenso wurde der Wunsch nach rascher, priorisierter Impfung, aber auch der Unmut über die anfänglich ­vermeintlich schlechte Organisation der COVID-19-Impfung ausgedrückt und die Krebshilfe um Unterstützung gebeten. Vieles hat sich im Laufe der Zeit eingespielt und gut integriert. Betroffene haben sich bestmöglich – wie auch nach einer Krebsdiagnose – auf die neue Situation eingestellt und damit arrangiert.

Monika Hartl, Doris Kiefhaber