Vorwort der Herausgeber

Vor Ihnen liegt die 5. Ausgabe des ­Österreichischen Krebsreports. Seit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 2021 ist der Krebsreport zu einer wichtigen Publikation geworden, die der österreichischen Bevölkerung, Betroffenen und Entscheidungsträger:innen maßgebliche Fakten zum Thema Krebs in Österreich liefert.

In der aktuellen Ausgabe greifen wir das Thema „Krebserkrankungen bei älteren Menschen“ auf. In der Gruppe der über 65-jährigen sehen wir im Jahresdurchschnitt ca. 30.000 Neuerkrankungen. 257.000 Menschen in dieser Altersgruppe leben nach einer Krebserkrankung (Prävalenz). Diese Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen, da die Lebenserwartung in Österreich kontinuierlich steigt. Die medizinischen Herausforderungen im Management älterer Patient:innen sind komplex. Mit zunehmendem Alter nehmen die Komorbiditäten zu, die mit unterschiedlichen Begleitmedikamenten behandelt werden (Polypharmazie). Von der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie wurde 2019 eine Studie durchgeführt, in der die Prävalenz der Komorbiditäten bei Krebspatient:innen in Österreich erhoben wurde: 86% der Patient:innen waren zumindest von einer Begleiterkrankung betroffen. Mit der Anzahl der Komorbiditäten stieg auch die Anzahl der verordneten Arzneimittel. Eine medikamentöse Therapie erfordert daher in vielen Fällen eine hohe klinisch-pharmazeutische Kompetenz, um das Risiko von unerwünschten Wirkungen möglichst gering zu halten. Die onkologische Therapie ist somit besonders bei älteren Patient:innen ein höchst individueller Entscheidungsprozess, der nur unter Einbindung der physischen, im Besonderen aber auch der psychischen und sozialen Dimension stattfinden kann. 
Gute Kommunikation, die Verwendung von geriatrischen Screening­instrumenten und ein strukturiertes geriatrisches Assessment können hier hilfreich sein, auch wenn viele der verfügbaren Instrumente für die Onkologie noch nicht validiert sind. Eine weitere Herausforderung stellt die Extrapolation von Evidenz aus klinischen Studien auf die Gruppe älterer Krebspatient:innen dar: Wenngleich sich die Situation bessert, so sind ältere Menschen weiterhin in klinischen Studien insgesamt deutlich unterrepräsentiert, sodass es schwierig ist, klare Aussagen zur Wirksamkeit von Therapien bei Älteren und Alten zu treffen. Die Behandlung älterer Patient:innen ist damit oft eine Herausforderung für das interdisziplinäre Management. Im aktuellen Krebsreport können wir mit Zahlen belegen, dass ältere Patient:innen trotz dieser He­rausforderungen in Österreich mit sehr innovativen Medikamenten behandelt werden und dass diese Menschen damit auch einen Nutzen im Sinne eines Überlebensgewinns erfahren. 

Um den gesundheitlichen Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft wirksam zu begegnen, muss die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gezielt und nachhaltig gestärkt werden. Die Bedeutung eines dauerhaft gesunden Lebensstils – einschließlich regelmäßiger Bewegung, Nichtrauchens und der Vermeidung von Übergewicht – sollte durch verständliche Aufklärung, alltagsnahe Unterstützung und motivierende Angebote noch deutlicher vermittelt werden. Nur so können die Chancen auf ein gesundes und selbstbestimmtes Altern verbessert werden. Gerade für ältere Menschen sollte beim Thema Krebsfrüherkennung ein besonderer Fokus darauf liegen, welche Untersuchungen individuell sinnvoll sind, um Lebensqualität und Mobilität zu erhalten und 

das Risiko von Komorbiditäten zu reduzieren. Ziel muss es sein, informierte Entscheidungen zu ermöglichen und gleichzeitig die Inanspruchnahme evidenzbasierter Vorsorgeangebote zu stärken.  

Wie gelingt die onkologische Versorgung in Österreich? 2024 wurde dazu das Österreichische Onkologie Forum (ÖOF) gegründet. In dieser interdisziplinären Plattform sollen basierend auf Daten und Fakten die Stärken und auch die Defizite der Versorgungslandschaft analysiert werden. In Österreich haben die Patient:innen grundsätzlich einen sehr guten Zugang zu allen therapeutischen Verfahren und zu innovativen Therapien. Wie zu erwarten, gibt es allerdings regionale Unterschiede. Sehr positiv ist, dass die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit strukturell, beispielsweise in Tumorboards, gut verankert ist. Basierend auf der im Onkologie Forum verwendeten Versorgungsmatrix sehen wir auch, dass in einigen Bereichen Defizite bestehen. Neben anderen Punkten wurde im Österreichischen Onkologie Forum auf die noch bestehenden Defizite beim Angebot für das Screening von Tumorerkrankungen hingewiesen. Die notwendigen Ressourcen dafür werden aufgebaut.
Insgesamt kann durch das Österreichische Onkologie Forum jedoch auch ein „Praxischeck“ erreicht werden, und bereits nach den ersten vier Sitzungen und einem Jahr ÖOF kann sich die Bilanz sehen lassen. Einige Defizite konnten bereits verbessert werden und die positive Resonanz und auch die gute interdisziplinäre Diskussion haben zur Etablierung dieses Projektes geführt. Im heurigen Krebsreport finden Sie eine Checkliste der im ÖOF aufgebrachten Diskussionspunkte und auch eine Zusammenfassung der bisherigen Tätigkeiten.

Als Herausgeber des Krebsreports danken wir Frau Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl für ihr Engagement um den Österreichischen Krebsreport. Die enge Kooperation der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie und der Österreichischen Krebshilfe mit der Statistik Austria und der Gesundheit Österreich GmbH im Rahmen des Krebsreports bildet die Grundlage für alle hier präsentierten Fragestellungen und Analysen. Wir freuen uns, damit einen Beitrag zur optimalen Versorgung von Menschen mit Krebs in Österreich leisten zu können.

Mit besten Grüßen

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie

Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll
Präsident der Österreichischen 
Gesellschaft für Hämatologie & 
Medizinische Onkologie

Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda
Präsident der Österreichischen Krebshilfe