Highlight-Bericht klinische Forschung

Klinische Studien sind die Grundlage medizinischer Innovation. Ihr Wert zeigt sich direkt auf Ebene der Patient:innen. Für sie bedeuten Studien die Möglichkeit, neue Medikamente Jahre vor deren regulärer Zulassung zu erhalten. Gerade in der Onkologie, wo Krankheitsverläufe oft aggressiv sind und Standardtherapien an ihre Grenzen stoßen, kann dieser frühe Zugang entscheidend sein. Auch im letzten Jahr haben zahlreiche klinische Studien in der Onkologie bedeutungsvolle Ergebnisse geliefert, die direkt in der klinischen Praxis umgesetzt werden können und zu einer weiteren Verbesserung der Prognose von Krebspatient:innen beitragen werden. Im Folgenden finden Sie dazu einzelne Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen.*

MATTERHORN – nahender Paradigmenwechsel in der schwierigen Indikation Magenkrebs

Ein Beispiel für eine Innovation mit unmittelbarer klinischer Relevanz ist die MATTERHORN-Studie beim Magenkarzinom. Hier wurde das etablierte perioperative FLOT-Chemotherapie-Regime erstmals um eine Immuntherapie erweitert – vor der Operation sowie danach und zusätzlich als Erhaltungstherapie. Das Konzept bringt einen Paradigmenwechsel: Immuntherapie, bislang beim Magenkarzinom nur im metastasierten Setting etabliert, wird in die kurative Situation verlagert. Der Ansatz ist biologisch plausibel: Gerade bei minimaler Resterkrankung oder Mikrometastasen kann das Immunsystem seine volle Wirksamkeit entfalten. Bereits die frühen Auswertungen zeigen, dass dieser Ansatz klinisch relevant ist. So war ein kompletter Tumorrückgang (pathologische Komplettremission – pCR) vor Operation unter der Immuntherapie fast dreimal so häufig wie mit Chemotherapie alleine – Patient:innen mit pCR haben die beste Prognose. Insgesamt verbesserte sich das ereignisfreie Überleben signifikant gegenüber dem bisherigen Standard. 

Im größeren Kontext steht MATTERHORN in einer Reihe von Studien, die Immuntherapie vom palliativen in den kurativen Bereich verlagern: vom Melanom über das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom bis hin zu Kopf-Hals-Tumoren (NIVOPOSTOP).

NIVOPOSTOP-Studie bei Kopf-Hals-Tumoren – erstmals seit zwei Jahrzehnten Verbesserung des Standards

Auch die NIVOPOSTOP-Studie liefert ein eindrucksvolles Beispiel, wie klinische Forschung den onkologischen Standard verändert. Seit fast zwei Jahrzehnten galt in der adjuvanten Behandlung von Hochrisikopatient:innen mit lokal fortgeschrittenem Kopf-Hals-Tumor die postoperative Radio(chemo)therapie als fixer Standard. Trotz der intensiven multimodalen Therapie blieb die Pro­gnose nach Operation oft schlecht, mit einem 5-Jahres-Überleben von rund 50%. NIVOPOSTOP prüfte die Zugabe einer Immuntherapie und erzielte damit ein signifikant besseres krankheitsfreies Überleben. Für die klinische Praxis bedeutet das eine Zäsur. Mit rund 1.200 Neuerkrankungen pro Jahr in Österreich ist das Kopf-Hals-Karzinom zwar seltener als etwa Lungen- oder Darmkrebs, aber keine Randindikation. Dass es nun erstmals seit Einführung der Cisplatin-basierten Radiochemotherapie eine wirksame Erweiterung des Standards gibt, hat das Potenzial, Tumorboards unmittelbar zu beeinflussen und Hochrisikopatient:innen einen Überlebensvorteil zu verschaffen.

DELLphi-304 – BiTE-Immuntherapie als neue Option beim kleinzelligen Lungenkrebs

Ein weiteres Beispiel für das Innovationspotenzial klinischer Forschung liefert die DELLphi-304-Studie beim kleinzelligen Lungenkarzinom (SCLC). Diese Tumorart gilt als eine der aggressivsten: schnelles Wachstum, frühe Metastasierung – häufig ins Gehirn – und hohe Rezidivraten. Standardtherapien der Zweitlinie boten bislang nur begrenzten Nutzen. Hier konnte erstmals eine bispezifische T-Zell-Engager-Immuntherapie (BiTE) klinisch überzeugen: Der BiTE-Antikörper bindet gleichzeitig an Tumorzellen und an Immunzellen und lenkt so die körpereigene Immunabwehr gegen den Tumor. In der Phase-III-Studie DELLphi-304 zeigte sich damit ein erheblicher Überlebensvorteil gegenüber Chemotherapie: Gegenüber Standardtherapien wurde das Sterberisiko um rund 40% reduziert, das mediane Gesamtüberleben verlängerte sich um mehrere Monate. Bemerkenswert sind zudem die bessere Verträglichkeit und die Verbesserung patientenberichteter Symptome wie Atemnot und Husten. Das Konzept bispezifischer Antikörper, das bislang vor allem bei hämatologischen Malignomen erfolgreich ist, wird nun auch in der Thoraxonkologie bei einem soliden Tumor Realität.

DESTINY-Breast09 – gerade die besten Substanzen können noch Zugewinn erzielen 

Ein weiteres Beispiel für die eingangs erwähnte Dynamik liefert die DESTINY-Breast09-Studie beim HER2-positiven Mammakarzinom. Seit mehr als einem Jahrzehnt galt die hocheffektive Kombination aus Taxan, Trastuzumab und Pertuzumab (CLEOPATRA-Regime) als Goldstandard in der Erstlinientherapie des metastasierten HER2-positiven Mammakarzinoms. Nun konnten in dieser Indikation weitere spektakuläre Fortschritte erzielt werden: Mit einem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (T-DXd) wurde das Risiko für Progression oder Tod nahezu halbiert, das mediane progressionsfreie Überleben von rund 27 auf etwa 40 Monate verlängert. Gleichzeitig kam es zu nahezu einer Verdoppelung der Rate an Komplettremissionen. Entscheidend dafür ist das neue Wirkprinzip: Es verbindet die Präzision eines HER2-Antikörpers mit der Potenz einer hochwirksamen Chemotherapie, die an den Antikörper gekoppelt ist und so direkt in der Tumorzelle zur Wirkung kommt. Zudem erfasst die Substanz zusätzlich Tumorzellen, die nicht vollständig HER2 überexprimieren (Bystander-Effekt). DESTINY-Breast09 belegt damit, dass auch dort, wo Standards scheinbar ausgereizt sind, durch ausgeklügeltes Medikamentendesign noch substanzielle Fortschritte möglich sind. 

Update 2025 – T-DXd erreicht das kurative Setting: Am größten europäischen Krebskongress Ende Oktober 2025 (ESMO) wurde eine weitere praxisverändernde Entwicklung für Patientinnen mit HER2-positivem Mammakarzinom vorgestellt. Was sich im metastasierten Setting bereits als „Gamechanger“ erwiesen hat, beginnt nun auch die kurative Situation zu verändern. In den jüngsten Phase-III-Studien DESTINY-Breast11 und DESTINY-Breast05 zeigte der Ansatz mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (T-DXd) sowohl im neoadjuvanten als auch im adjuvanten Setting eine signifikante Überlegenheit gegenüber den bisherigen Standards – und leitet damit einen Paradigmenwechsel ein.

ABCSG-52/ATHENE: Deeskalation – muss es immer mehr sein?

Eine zentrale Frage ist, ob Fortschritt in der Onkologie zwingend immer mit höherer Therapieintensität einhergehen muss oder ob auch intelligente Deeskalation neue Standards setzen kann. Das ist der Grundgedanke der österreichischen Studie ABCSG-52/ATHENE. Sie bricht mit dem klassischen Dogma der Chemotherapie-Ära („je mehr, desto besser“) und fragt nach dem Gegenteil: Wie viel Therapie ist wirklich notwendig, um Heilung zu erreichen? Statt auf maximale Zytotoxizität zu setzen, kombinierte ATHENE eine reduzierte Chemotherapie (nur Anthrazyklin, Verzicht auf Taxane und Platin) mit einer Immuntherapie (Atezolizumab) und HER2-Blockade. Das Ergebnis war bemerkenswert: eine pathologische Komplettremissionsrate von rund 60%, die im Bereich maßgeblicher Studien in dieser Indikation liegt, trotz deutlicher Reduktion der klassischen Zytostatika. ATHENE zeigt, dass Deeskalation in Kombination mit modernen Immuntherapien ein ebenso wirksamer wie potenziell schonenderer Weg ist. Und sie beweist zugleich, dass Innovation nicht nur in der Hinzufügung neuer Substanzen besteht, sondern auch im Mut, alte Paradigmen zu hinterfragen. 

Diese Studie unter Leitung von Doz. Gabriel Rinnerthaler (Graz) wurde 2025 von der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) mit einem „Innovation Award“ ausgezeichnet.

CAR-T-Zell-Therapie – zelluläre Immuntherapie als Gamechanger

Die CAR-T-Zell-Therapie stellt eine der größten Umwälzungen der modernen Hämato-Onkologie dar. Körpereigene T-Zellen werden in einem aufwendigen Verfahren so verändert, dass sie ein tumorspezifisches Zielantigen erkennen und hocheffektiv angreifen können. Die modifizierten Zellen, die für jede:n Patient:in individuell produziert werden müssen, tragen einen chimären Antigenrezeptor (CAR), der die Spezifität eines Antikörpers mit der Zytotoxizität von T-Zellen verbindet. Als „lebende Therapie“ können CAR-T-Zellen nach einmaliger Infusion im Körper überleben, sich vermehren und wiederholt Tumorzellen eliminieren. Ein Teil der Patient:innen bleibt dadurch über Jahre rückfallfrei, sodass heute von einer potenziell kurativen Therapie bei aggressiven Lymphomen oder dem Multiplem Myelom gesprochen wird. 
Parallel dazu haben bispezifische Antikörper das therapeutische Spektrum in der Hämatologie erweitert (siehe z.B. DELLphi-304-Studie oben). Sie binden gleichzeitig an ein Tumorantigen (z.B. CD20) und an Immunzellen und aktivieren so die körpereigene Immunabwehr – ohne dass dafür patienteneigene Zellen modifiziert werden müssen. Diese „Off-the-shelf“-Immuntherapien ergänzen die CAR-T-Strategie und eröffnen Patient:innen mit aggressiven hämatologischen Erkrankungen ebenfalls neue Optionen.

Fortschritte abseits klassischer Krebsmedikamente

Vasomotorische Symptome unter Antihormontherapie bei Brustkrebs – mehr als ein „Wohlfühl-Argument“
Innovation bedeutet nicht nur neue Tumorbehandlungen, sondern auch bessere Strategien gegen therapiebedingte Nebenwirkungen. Beim Hormonrezeptor-positiven (HR+) Mammakarzinom sind Hitzewallungen unter Antihormontherapie (Östrogenentzug) ein häufiges Problem, das bis zu 70% der Patientinnen betrifft. Diese beeinträchtigen Schlaf, Lebensqualität und können im schlimmsten Fall zum vorzeitigen Abbruch der Therapie führen, was das Rückfallrisiko erhöht. Die Hormonersatztherapie, die häufig Östrogen enthält, wird bei Frauen mit HR+ Brustkrebs aufgrund des Risikos, das Tumorwachstum zu fördern, in der Regel nicht empfohlen. Alternativen wie Antidepressiva (SSRI) können ebenfalls mit der Wirksamkeit bestimmter Onkologika interferieren. Vor diesem Hintergrund untersuchte die OASIS-4-Studie einen dualen Neurokinin-1/3-Rezeptor-Antagonisten, der die Hitzewallungen signifikant verringern konnte, ohne dabei die Wirksamkeit der Antihormontherapie zu beeinträchtigen. Auch Schlafqualität und Fatigue verbesserten sich deutlich.

Bewegung, Bewegung, Bewegung … nicht nur allgemein empfehlenswert, sondern auch therapeutisch effektiv 
Dass körperliche Aktivität wichtig ist, weiß man seit Langem, doch die CHALLENGE-Studie liefert erstmals in einer randomisierte Phase-III-Studie die Evidenz dafür, dass Bewegungstherapie beim Kolonkarzinom nicht nur die Fitness steigert, sondern auch harte onkologische Endpunkte beeinflusst. In die Studie wurden knapp 900 Patient:innen nach adjuvanter Chemotherapie bei Kolonkarzinom (Stadium III und Hochrisiko-Stadium II) eingeschlossen. Sie wurden randomisiert in ein dreijähriges strukturiertes Bewegungsprogramm oder eine Kontrollgruppe mit allgemeinen Gesundheitsinformationen eingeschlossen. Ziel war eine Steigerung der wöchentlichen Aktivität, begleitet durch Bewegungstherapeut:innen und regelmäßige Beratung. Nach fast acht Jahren Follow-up zeigte sich im Ergebnis ein signifikanter Vorteil für die Interventionsgruppe – sowohl beim krankheitsfreien Überleben als auch beim Gesamtüberleben. Zusätzlich verbesserten sich Fitness, Fatigue und Lebensqualität deutlich.

Ein anderer Bereich betrifft die Früherkennung und Prävention.
Hier zeigen Biomarker-Studien, wie sich unnötige Diagnostik und Übertherapie vermeiden lassen. Ein Beispiel ist der sogenannte „Kollagen-Code“, eine an der Med Uni Innsbruck entwickelte Signatur aus Transkriptom-, Proteom- und Urinanalysen, die helfen soll, klinisch relevante Prostatakarzinome präziser zu identifizieren. Solche Ansätze haben das Potenzial, Screeningprogramme gezielter zu gestalten und sowohl Patient:innen als auch das Gesundheitssystem zu entlasten. Dieser Ansatz wurde 2025 von der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) ebenfalls mit einem „Innovation Award“ ausgezeichnet. Studienleiterin ist Prof.in Isabel Heidegger-Pircher (Innsbruck).

Die hier dargestellten Beispiele betreffen überwiegend solide Tumoren. In der Hämato-Onkologie vollzieht sich jedoch eine ebenso tiefgreifende Entwicklung – bis hin zur Umkehrung vormals schlechter Prognosen und zur realen Perspektive auf Langzeitheilung. Insgesamt soll deutlich werden, dass klinische Studien die Grundlage medizinischer Innovation darstellen. Allerdings steht klinische Forschung zunehmend im Spannungsfeld zwischen medizinischem Anspruch, organisatorischer Machbarkeit und politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen. Ohne gezielte Unterstützung bei Personal, Infrastruktur und Regulierung bleibt der hohe Nutzen klinischer Studien vielfach hinter den Möglichkeiten zurück.


Kathrin Strasser-Weippl, Gerhard Kahlhammer

 

* Anmerkung: Die Auswahl der in diesem Beitrag präsentierten Highlights der klinischen Forschung in der Onkologie und Hämatologie beruht auf einer Auswahl des Redaktionsteams und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.