Vorsorge und Früherkennung

Im Folgenden berichten wir über Änderungen (seit dem Krebsreport 2022) bei zwei Früherkennungsprogrammen und einer Krebsvorsorgemaßnahme.

Änderungen im Brustkrebs- Früherkennungsprogramm (BKFP)

Das 2014 etablierte österreichische Brustkrebs-Früherkennungsprogramm richtet sich an die vermeintlich gesunde Frau in der Zielgruppe 45–69 Jahre. Frauen zwischen 40 und 44 Jahren und ab 70 Jahren erhalten kein Erinnerungsschreiben, können sich aber (telefonisch oder online) zur Teilnahme am Programm anmelden (Opt-in).

Teilnahmerate hinter den Erwartungen und Zielen 
Laut 3. Evaluationsbericht (https:// jasmin.goeg.at/id/eprint/1875) nahmen in den Jahren 2018/2019 621.049 Frauen (41% der Frauen in der Kernzielgruppe) am Brustkrebs-Früherkennungsprogramm teil. Bemerkenswert ist, dass der Anteil jener Zielpersonen, die nur durch ein Opt-in am Programm teilnehmen können, relativ hoch ist: Der Anteil der 40- bis 44-jährigen Frauen liegt bei 21% bzw. 34% inkl. diagnostischer Mammografien, jener der über 70-Jährigen bei 15% bzw. 26% inkl. diagnostischer Mammografien.

Anhebung der Zielgruppe auf 74 Jahre
Im Rahmen der Neuverhandlung des Programms (3. Zusatzvereinbarung zum 2. Zusatzprotokoll zum Vorsorgeuntersuchungs-Gesamtvertrag in der Fassung vom 15.12.2022) mit dem Ziel, die Teilnahmerate zu erhöhen, wurden einige Änderungen vorgenommen. Unter anderem wurde die Zielgruppe mit Juni 2023 auf 74 Jahre erweitert. Damit fiel eine bürokratische Hürde für Frauen in dieser Altersklasse. Die Notwendigkeit eines Opt-in für 40- bis 44-Jährige bleibt derzeit jedoch bestehen.

Neue Empfehlungen der United States Preventive Services Task Force: Mammografie ab 40 Jahren
In diesem Zusammenhang erscheint es bemerkenswert, dass die in ihren Empfehlungen als konservativ und sehr evidenzbasiert bekannte United States Preventive Services Task Force (USPSTF) am 9.5.2023 ihre Empfehlungen angesichts der steigenden Zahl an jungen Brustkrebspatientinnen abgeändert hat und die Mammografie nun bereits ab 40 Jahren alle zwei Jahre empfiehlt.

Beratung und Risikoaufklärung als neue Leistung
Für Ärzt:innen für Allgemeinmedizin und Fachärzt:innen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe wurde die „Beratung und Risikoaufklärung“ als neue Leistung – alle zwei Jahre in 20% der Fälle (Allgemeinmedizin) bzw. in 25% der Fälle (Gynäkologie) – für die Zielgruppe Frauen von Beginn des 41. bis zur Vollendung des 75. Lebensjahres eingeführt (Evaluierung Ende 2024). Grundlage für das Assessment bildet die Indikationsliste für diagnostische Mammografien.

Als weiterführende mittelfristige Änderungen wurden die Entwicklung einer umfassenden Beratungsposition für 20- bis 39-jährige Frauen, die Integration des Einsatzes von Tomosynthese (3-D-Mammografie) und die Übermittlung der Mammografiebefunde in ELGA vereinbart. 

Kostenlose Vorsorgebroschüren der Österreichischen Krebshilfe

Die Österreichische Krebshilfe gibt in enger Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Fachgesellschaften zahlreiche Vorsorgebroschüren heraus, die auch von Mediziner:innen, medizinischen Abteilungen und Gesundheitsbehörden jederzeit kostenlos unter service@krebshilfe.net bestellt werden können.

 

 

  • Nichtrauchen

  • Ernährung gegen Krebs

  • Bewegung gegen Krebs

  • Sonne ohne Reue

  • HPV-Impfung gegen Krebs

  • Darmkrebsvorsorge

  • Krebsvorsorge für Frauen

  • Krebsvorsorge für Männer

Neue Darmkrebs-Früherkennungsrichtlinien – ab 45 für Frauen und Männer wahlweise entweder Koloskopie oder FIT-Blutstuhltest 

Mit Jänner 2023 haben die Österreichische Krebshilfe und die Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (nach entsprechender Empfehlung durch das Nationale Screening-Komitee für Krebserkrankungen) ihre Darmkrebs-Vorsorgeempfehlungen geändert. Das Alter wurde auf 45 he­rabgesetzt (von 50) und die Darmkrebsvorsorge WAHLWEISE mittels Kolo­skopie (alle 10 Jahre, wenn kein anderes Intervall empfohlen wurde) oder fäkalem immunchemischem Test (FIT) mindestens alle 2 Jahre – mit Koloskopie nach einem positiven Ergebnis – empfohlen. Bis zur Einführung eines organisierten Darmkrebs-Früherkennungsprogramms empfehlen Krebshilfe und ÖGGH, die Koloskopie in Stellen mit „Qualitätszertifikat Darmkrebsvorsorge“ durchführen zu lassen (Auflistung aller Stellen unter www.oeggh.at und www.krebshilfe.net).

Neue Darmkrebs-Früherkennungsrichtlinien

Position der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie

Sind in Österreich die strukturellen Ressourcen (z.B. qualitätsgesicherte Endoskopie) für die Umsetzung vorhanden?
In Österreich gibt es seit 2010 das „Qualitätszertifikat Vorsorgekoloskopie“, in das bis heute mehr als 400.000 Befunde eingepflegt wurden. Dort ist klar erkennbar, dass die international geforderten Qualitätsparameter in unserem Land erfüllt werden können. Der Zugang zur qualitätsgesicherten Vorsorgekoloskopie ist damit dokumentiert gegeben, variiert aber je nach Region österreichweit stark. Aufgrund aktueller struktureller, insbesondere personaltechnischer Probleme entstehen teils mehrmonatige Wartezeiten für die Durchführung einer Vorsorgekoloskopie. 

Klar zu fordern ist, dass jede in Österreich durchgeführte Vorsorgekoloskopie qualitätsgesichert verläuft. Hier haben wir noch deutliches Verbesserungspotenzial. Auch was die Vorsorgekoloskopie-Rate in der Gesamtbevölkerung betrifft, ist jeder bzw. jede von uns gefordert. Wir schätzen, dass aktuell 30–40% der in Österreich durchgeführten Vorsorgekoloskopien systematisch erfasst und ausgewertet werden.

Wie ist der Zugang zum fäkalen immunchemischen Test (FIT)?
Praktisch jedes größere chemisch-diagnostische Labor bietet mittlerweile FITs an. Das Vorhalten und das Angebot für FIT in Krankenhäusern verschiedener Träger und anderer Gesundheitseinrichtungen in Österreich erscheint leider immer noch sehr inhomogen. Der Test ist gut standardisiert und die Ergebnisse sind sehr gut reproduzierbar. Der Zugang zum FIT sollte daher maximal niederschwellig und transparent sein!

Werden die Kosten für den FIT übernommen?
Leider gibt es auch in diesem Bereich keine einheitliche österreichweite Lösung. In einigen Bundesländern ist der Test bereits voll in das Sozialversicherungssystem integriert, in anderen nicht. Hier ist klar eine österreichweite Erstattung zu fordern. Gerade in derart wichtigen und auch sensiblen Punkten wünsche ich mir mehr Transparenz, weniger Föderalismus und mehr patientenfokussierten Pragmatismus.

Peter Fickert

EU-Kommission: Einführung von nationalen Darmkrebs- Screenings bis 2025 
Anders als in 20 EU-Mitgliedsstaaten (Stand 2020) gab es mit Ende 2023 in Österreich noch kein organisiertes Darmkrebs-Früherkennungsprogramm. Dies soll sich 2024 ändern. Man reagiert damit auf die jahrelangen Forderungen von Expert:innen und Organisationen sowie auf die Empfehlung des Nationalen Screening-Komitees für Krebserkrankungen (NSK) und auf das Ziel der EU-Kommission, 90% der EU-Bürger:innen, die für ein Darmkrebs-Screening infrage kommen, bis 2025 ein solches auch anzubieten. 

Pilotprojekt „Darmkrebs-Screening“ in Wien, Start Herbst 2024
Auf Basis der Empfehlungen des NSK und der EU-Kommission wurden seitens des Bundes und der Länder Vorkehrungen getroffen, um im Herbst 2024 das erste Pilotprojekt eines organisierten Darmkrebs-Screenings zunächst für die Wiener Bevölkerung einzuführen. Die Zielgruppe sind alle Personen mit Hauptwohnsitz in Wien im Alter von 45–75 Jahren, abzüglich aller Personen, die 8 Jahre vor Beginn des Screenings eine Koloskopie gemacht haben. Beide Screeningstrategien (Koloskopie oder FIT-Stuhltest) sollen als gleichwertig angesehen und den Bürger:innen soll mittels geeigneter Methoden eine informierte Entscheidung ermöglicht werden. Weitere Bundesländer sollen dem Pilotprojekt Wien folgen.

Impfung gegen HPV – Ausweitung bis zum vollendeten 21. Lebensjahr

Wie im Krebsreport 2022 berichtet, wird die HPV-Impfung seit 1.2.2023 im Rahmen des kostenfreien Impfprogramms des Bundes, der Bundesländer und der Sozialversicherungsträger bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenlos zur Verfügung gestellt und erstmals auch allen Grundwehrdienern angeboten.

Um die Verpflichtung gegenüber der WHO zu erfüllen und bis 2030 eine Durchimpfungsrate von 90% zu erreichen, wird es notwendig sein, die Bevölkerung intensiv über die Wichtigkeit der HPV-Impfung sowie die unterschiedlichen Impfangebote der Bundesländer umfassend und wiederholt zu informieren. Die Österreichische Krebshilfe bietet unter www.krebshilfe.net eine Übersicht über die Impfangebote in ganz Österreich sowie über spezielle Impfaktionen ab dem vollendeten 21. Lebensjahr. Die lange geforderte verpflichtende Eintragung in den elektronischen Impfpass wurde mit März 2023 umgesetzt. Darüber hinaus wurde die verpflichtende Eintragung in den elektronischen Impfpass nun auch Wahlärzt:innen über das digitale Amt möglich gemacht.

Doris Kiefhaber