Die onkologische Versorgung in Österreich gilt international als qualitativ hochwertig. Gleichzeitig steht das System zunehmend unter Druck: Die Zahl der Patient:innen steigt, Therapien dauern länger und immer mehr Menschen leben länger mit Krebs und unter Therapie, ohne dass sie geheilt sind. Diese Entwicklung führt zu einer steigenden Inanspruchnahme von Ressourcen und droht durch Versorgungsengpässe die erreichten Fortschritte in der Therapie zu unterminieren.
Vor diesem Hintergrund wurde das Österreichische Onkologie Forum (ÖOF) als interdisziplinäre Plattform gegründet. Ziel ist es, auf Basis von Daten und Fakten Versorgungsdefizite sichtbar zu machen, Qualitätsindikatoren zu definieren und konkrete Handlungsempfehlungen an Entscheidungsträger:innen zu formulieren.
Die Analyse zeigte deutliche Schwächen in der Prävention. Beim Brustkrebs-Screening liegt die Teilnahmequote bei rund 40% – zu niedrig, um vulnerable Gruppen zu erreichen. Beim Darmkrebs existiert trotz klarer Evidenz zur Mortalitätssenkung bis heute kein flächendeckendes Programm. Regionale Pilotprojekte – so erfolgreich sie im Einzelfall sind – konnten das Problem insgesamt nicht lösen: So sind selbst bei positivem Test auf Blut im Stuhl Wartezeiten von mehreren Monaten auf eine Koloskopie möglich.
Auch beim Lungenkrebs besteht Handlungsbedarf. Internationale Daten belegen den Nutzen eines qualitätsgesicherten Low-Dose-CT-Screenings, in Österreich fehlen jedoch Standards und Strukturen.
Diese Schwächen werden durch ein grundlegendes Problem aggraviert: Österreich weist im europäischen Vergleich eine sehr niedrige Gesundheitskompetenz auf. Laut Health Literacy Survey verfügen 51% der Bevölkerung nur über unzureichende oder problematische Gesundheitskompetenz. Dies schlägt sich unmittelbar in der Inanspruchnahme von Vorsorge nieder und zeigt, dass Prävention nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema ist.
Die diagnostische Qualität ist insgesamt hoch, wird jedoch von erheblichen regionalen Unterschieden begleitet. In manchen Regionen erfolgen MRT- oder PET-CT-Untersuchungen innerhalb weniger Tage, anderswo beträgt die Wartezeit Wochen bis Monate. Besonders kritisch ist die Abwanderung von Radiolog:innen und Patholog:innen in den niedergelassenen Bereich. Dadurch gehen intramural Expertise und Ausbildungskapazität verloren, was beispielsweise zur Folge hat, dass invasive radiologische Verfahren oder andere spezialisierte Eingriffe kaum mehr durchgeführt werden können.
Die molekulare Pathologie, heute Grundlage vieler zielgerichteter Therapien, ist ebenfalls von Engpässen betroffen. Versorgungsverzögerungen wirken sich hier direkt negativ auf Therapieentscheidungen und Prognose aus.
Internationale Modelle wie das britische „Urgent Cancer Referral“ oder das dänische Stufensystem zeigen, dass organisatorische Vorgaben ohne zusätzliche Ressourcen Wartezeiten drastisch verkürzen und Outcomes verbessern können.
Eine vergleichbare Definition onkologischer Dringlichkeit fehlt in Österreich bislang.
Das Österreichische Onkologie Forum ist eine von der OeGHO getragene, aber im Schulterschluss mit Systempartnern entstandene Initiative zur Verbesserung der onkologischen Versorgung in Österreich. Es liefert ein differenziertes Bild der onkologischen Versorgung in Österreich und hilft, Schwächen und Stärken zu analysieren und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Weiterentwickelt wurde das Forum maßgeblich von Doz.in Kathrin Strasser-Weippl (medizinische Leiterin der OeGHO).
Arbeitsweise:
Entwicklung einer Versorgungsmatrix mit über 50 Qualitätsindikatoren, die vom Screening über Diagnostik und Therapie bis hin zu Nachsorge und Rehabilitation reicht und Indikatoren aus Krebsrahmenprogramm und Zertifizierungsplattformen enthält. Anhand der Versorgungsmatrix wird in Workshops mit Kliniker:innen über ganz Österreich pro Tumorerkrankung ein Bild der Versorgungslandschaft in Österreich erstellt und im Anschluss mit Stakeholdern (Ministerium, Länder, Krankenhausträger, ÖGK) diskutiert.
Vision:
auf Basis von Daten und Fakten Schwachstellen adressieren, praxisnahe Empfehlungen formulieren und die Umsetzung im Versorgungssystem fördern die Umsetzung im Versorgungssystem fördern
Besonderheit:
Einbindung fallführender Ärzt:innen aus Universitätskliniken und peripheren Spitälern, um ein realistisches Bild der Versorgungslage in allen Bundesländern abzubilden
Ergebnisse:
Die ersten vier Workshops haben Unterschiede zwischen den Bundesländern aufgezeigt. Einzelne Initiativen wurden schon umgesetzt; Publikationen sind bereits online verfügbar.
Selbstverständnis:
Das Forum versteht sich ausdrücklich als gesundheitspolitisch relevante Initiative, die im Dialog mit Stakeholdern konkrete Verbesserungen anstößt.
Tumorboards haben sich in Österreich als Erfolgsgeschichte etabliert. Nahezu alle Krebspatient:innen werden heute interdisziplinär vorgestellt, was ein wesentlicher Fortschritt ist. Die Praxis ist jedoch heterogen. Manche Boards sind so groß, dass eine effiziente Entscheidungsfindung erschwert wird, während kleinere, spezialisierte Boards deutlich strukturierter arbeiten. Problematisch ist manchmal die unzureichende IT-Infrastruktur: Bildübertragungen erfolgen teilweise noch via CD-ROM, was Verzögerungen und Mehrkosten verursacht. Auch die Dokumentation ist nicht überall standardisiert. Ein weiteres Defizit betrifft die fehlende Anerkennung des hohen Personalaufwands von Tumorboards. Vor- und Nachbereitung sowie die Durchführung von Tumorboards binden erhebliche Ressourcen, die im aktuellen System kaum abgebildet werden.
Grundsätzlich stehen in Österreich innovative Therapien rasch zur Verfügung. Vereinzelt bestehen dennoch Hürden: In einzelnen Häusern müssen selbst Standardtherapien durch die ärztliche Direktion genehmigt werden, während sogenannte „Innovationsboards“, die an sich sinnvoll sind, kritisch gesehen werden, wenn sie zu relevanten Zeitverzögerungen in der Therapie führen. Das ABS-System zur chefärztlichen Bewilligung funktioniert gut, erschwert aber zeitweise den direkten, persönlichen Kontakt zu Chefärzt:innen. Positiv ist, dass das ÖOF hier bereits konkrete Verbesserungen erreichen konnte. So wurde u.a. die verpflichtende Tumorboard-Dokumentation für bestimmte Onkologika abgeschafft, wenn Indikation und Befundlage eindeutig sind – ein Beispiel dafür, dass bürokratische Hürden abgebaut werden können.
Klinische Forschung ist für Österreich von zentraler Bedeutung, bleibt jedoch vielfach unterfinanziert. Außerhalb universitärer Zentren mangelt es an Personal, Infrastruktur und IT-Unterstützung. Viele Kliniker:innen betreiben Studienarbeit zusätzlich zur regulären Versorgung – häufig in ihrer Freizeit. Spitalsübergreifende Strukturen für seltene Tumoren sind kaum etabliert. Auch bei den Daten bestehen Defizite. Zwar gibt es einzelne Register und Zertifizierungssysteme, doch diese sind fragmentiert und regional unterschiedlich. Ein österreichweites Benchmarking ist nicht möglich. Insbesondere fehlen strukturierte Verlaufsdaten, die für eine prospektive Steuerung der Versorgung notwendig wären. Länder wie Dänemark oder Schweden zeigen, dass durch hochwertige Registerdaten Versorgungsqualität und Forschung erheblich verbessert werden können.
Die steigenden Patientenzahlen führen bereits heute zu Kapazitätsengpässen in den Ambulanzen. Immun- und Erhaltungstherapien beanspruchen über Jahre Versorgungsplätze, die nur schwer erweitert werden können. Cancer Nurses haben sich als wertvolle Ressource etabliert, womit Engpässe teilweise kompensiert werden können. Problematisch ist ein Stadt-Land-Gefälle bei der hausärztlichen Versorgung: Während die Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen in ländlichen Regionen meist gut funktioniert, ist sie in Wien deutlich ausbaufähig. Viele Patient:innen müssen selbst für Basisleistungen die onkologische Ambulanz aufsuchen. Telemedizinische Modelle existieren bislang nur vereinzelt, obwohl sie die Belastung wohl abmildern könnten. Auch in der Palliativversorgung zeigen sich trotz großer Anstrengungen angesichts des steigenden Bedarfs weiterhin Lücken, sodass nicht alle Patient:innen die letzte Lebensphase im optimalen Setting verbringen können.
Sozioökonomische Unterschiede wirken sich direkt auf den Krankheitsverlauf aus. Sprachbarrieren, niedrige Bildung oder fehlende Angehörige erschweren die Versorgung in regional unterschiedlichem Ausmaß. Videodolmetsch-Systeme alleine reichen oft nicht aus, um komplexe Aufklärungsgespräche oder psychoonkologische Betreuung sicherzustellen.
Dringend benötigt werden Lotsen- oder Patientennavigator:innen, die Patient:innen bei Terminen begleiten, Befunde erklären und die Koordination übernehmen. Psychoonkologische Angebote sind vorhanden, aber unzureichend, vor allem für nicht deutschsprachige Patient:innen. In der Rehabilitation gibt es gut etablierte stationäre und zunehmend auch ambulante Angebote. Besonders bei älteren Patient:innen wäre auch eine Prähabilitation vor belastenden Therapien und eine altersgerechte Nachversorgung wichtig – bislang noch ohne ausreichende Verfügbarkeit.
Die Bilanz nach den ersten vier Workshops des ÖOF ist ambivalent: Österreich bietet eine qualitativ hochwertige Versorgung, die durch engagierte Fachkräfte getragen wird. Gleichzeitig steigen die Belastungen rapide und ohne strukturelle Reformen drohen Rückschritte. Positiv ist, dass das Forum bereits konkrete Verbesserungen erreichen konnte – von der Anpassung der Regeltexte bei Onkologika über die stärkere Verankerung von Tumorboards im Krebsrahmenprogramm bis hin zu neuen Diskussionsprozessen mit den Sozialversicherungsträgern. Diese Erfolge belegen den Wert eines interdisziplinären Dialogforums. Die zentralen Herausforderungen bleiben jedoch bestehen: die Schaffung einer einheitlichen Datenbasis, der Ausbau von Studieninfrastruktur, die Verbesserung der IT-Unterstützung, die klare Definition von Schnittstellen zwischen intra- und extramuralem Bereich sowie die Förderung von Gesundheitskompetenz und Chancengerechtigkeit.
Eine der aktuell wichtigsten Anliegen des ÖOF ist die Einführung einer „onkologischen Dringlichkeit“ im österreichischen Gesundheitssystem. Diagnostik und Therapieentscheidungen für Patient:innen mit maligner Erkrankung oder Verdacht auf eine solche müssen innerhalb klar definierter Zeitfenster erfolgen. Nur so kann gewährleistet werden, dass der medizinische Fortschritt tatsächlich bei den Patient:innen ankommt – unabhängig von Wohnort, Bildung oder Einkommen.
Das ÖOF wird diesen Prozess auch in den kommenden Jahren fortsetzen, mit weiteren Workshops zu verschiedenen Indikationen und Querschnittsthemen wie molekulare Pathologie und klinische Studien. Ziel bleibt, die Versorgung nicht nur medizinisch, sondern auch strukturell so weiterzuentwickeln, dass sie dem steigenden Bedarf gerecht wird. Das Bemühen der Entscheidungsträger:innen, hier Lösungen zu finden, wird das ÖOF weiterhin mit Erfahrungsberichten und Daten aus der Praxis unterstützen.
Jahrestreffen des Österreichischen Onkologie Forums – Gesamtzusammenfassung der bisherigen 4 Workshops (Mammakarzinom, Bronchialkarzinom, gastrointestinale Tumoren, urologische Tumoren)
Brustkrebs-Screening: Programmscreening gut etabliert; aufgrund Teilnahmequote von nur ~ 40% Sorge, dass vulnerable Gruppen nicht erreicht werden
Darmkrebs: noch kein flächendeckendes Screeningprogramm, aktuell Wartezeiten und Kapazitätsprobleme
Lungenkrebs: positive Studiendaten für Screening; in Österreich noch keine standardisierten Qualitätskriterien oder Programme
Prostatakrebs: Screeningstrategie ist im
Umbruch, neues Konzept auf EU-Ebene empfohlen, muss in Österreich noch umgesetzt werden
Regionale Unterschiede, zum Teil gute Versorgung, zum Teil lange Wartezeiten auf bildgebende Verfahren und invasive Diagnostik
Abwanderung von Radiolog:innen und Patholog:innen in den niedergelassenen Bereich führt zu Verlust bestimmter intramuraler Kompetenzen und Problemen in der Ausbildung
Diagnostische Pfade notwendig, um steigende Zahlen zu bewältigen – Einführung von „Urgent Cancer Referral“-Programmen empfohlen, um Wartezeiten zu verkürzen
Heute flächendeckend etabliert und eine „Erfolgsgeschichte“
Herausforderungen: Dokumentation, IT-Infrastruktur, Bildübertragung (teilweise noch mit CD-ROMs)
Guter Zugang und Kooperation mit Entscheidungsträgern
Kritik: zum Teil unnötige Genehmigungspflichten durch ärztliche Direktionen für Standardtherapien (z.B. Immuntherapien), dadurch Verzögerungen
Positiv: konstruktiver Dialog mit Entscheidungsträger:innen – Änderung Regeltexte umgesetzt, Input von Fachexpert:innen bei Nutzenbewertung wird gehört
Mangel an Infrastruktur und Personal für Studien außerhalb der Universitäten, dadurch Hürden für flächendeckende Forschung; häuserübergreifende Durchführung von Studien notwendig
Register & Daten: keine strukturierte Verlaufsdokumentation, regionale Unterschiede extrem groß
Cancer Nurses mittlerweile teilweise etabliert – positive Entwicklung
Jedoch: zunehmender Engpass bei Therapieplätzen (z.B. Langzeit-Immuntherapien)
Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen ausbaufähig, besonders in Städten
Telemedizin ist kaum etabliert Palliativversorgung wird ausgebaut, aber mobile Teams fehlen, zu viele Menschen sterben im Spital
Rehabilitation: Angebote vorhanden, aber regional ungleich verteilt; psychoonkologische Betreuung unzureichend, besonders für nicht deutschsprachige Patient:innen
Bruchlinie zwischen intra- und extramuraler Versorgung (Spital vs. niedergelassene Versorgung); Beispiele: radiologische Untersuchungen, Nachsorge, Rehabilitation, orale Therapien
Folge: Patient:innen leider an der Schnittstelle zwischen Kostenträgern (z.B. Herzuntersuchungen bei kardiotoxischer Therapie nicht klar zuordenbar)
Sehr konstruktiver Dialog mit Entscheidungsträger:innen
Integration von Empfehlungen ins Krebsrahmenprogramm
Anpassungen bei Tumorboard-Verpflichtung für Medikamentenbewilligungen
Intensivierter Dialog mit Sozialversicherungsträgern
Diskussion über Leber-MRT als Kassenleistung
Sichtbarmachung des Zeitaufwands für Tumorboards (OeGHO-Umfrage)
Wolfgang Hilbe, Kathrin Strasser-Weippl, Ewald Wöll