Die Entwicklungen der modernen Onkologie in Diagnostik und Therapie haben einerseits zu einer Verbesserung der Lebenserwartung von Krebspatient:innen geführt, andererseits hat damit die Zahl der in Behandlung stehenden Patient:innen deutlich zugenommen. Es können auch Patientengruppen wie ältere und alte Menschen behandelt werden, die bisher weitgehend von einer onkologischen Behandlung ausgeschlossen waren. Das hat zur Entwicklung einer Spezialdisziplin, der geriatrischen Onkologie, geführt, die sich speziell diesem Thema widmet.
Die europäische Bevölkerung altert rapide. Nach Angaben von Eurostat wird der Anteil der über 65-Jährigen bis 2050 auf nahezu 30% steigen. Bereits heute sind etwa 60% aller Krebserkrankungen in Europa bei Personen über 65 Jahren zu verzeichnen. Der demografische Wandel führt somit zu einer signifikanten Zunahme an onkologischen Erkrankungen im Alter (Abbildung).
Alter ist kein einheitliches Konzept. Mediziner:innen unterscheiden zwischen „kalendarischem Alter“ (das tatsächliche Lebensalter), „biologischem Alter“ (das funktionelle Alter eines Organismus, abhängig von körperlicher und geistiger Verfassung) und „psychosozialem Alter“ (das empfundene Alter in Bezug auf soziale Rolle und Lebensumfeld). In der Onkologie ist insbesondere das biologische Alter entscheidend, da es die Therapiefähigkeit und die Prognose beeinflusst.
Traditionell werden Patient:innen ab 65 Jahren als „alt“ und ab 75 Jahren als „hochbetagt“ definiert. Diese Schwellenwerte sind jedoch eher historisch zu sehen und umstritten. In der Onkologie sind funktionelle Parameter (z.B. Gebrechlichkeit, Komorbiditäten, kognitive Leistungsfähigkeit, funktionelle Aktivitäten) entscheidender als das kalendarische Alter. Beispielsweise kann ein biologisch junger 75-Jähriger eine Therapie besser tolerieren als ein gebrechlicher 65-Jähriger.
Altersbezogene Lebenserwartung
Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Diagnosestellung verändert sich stark mit dem Alter und dem Gesundheitsstatus. Ältere Patient:innen haben eine kürzere verbleibende Lebenserwartung, was Einfluss auf Therapieentscheidungen hat. Das spielt bei der Bewertung von möglichem Nutzen (längeres Überleben und bessere Lebensqualität) im Verhältnis zu möglichem Schaden (Nebenwirkungen, Komplikationen) eine entscheidende Rolle.
Mehr Begleiterkrankungen
Multimorbidität ist im Alter die Regel. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen oder Demenz können den Verlauf und die Therapieoptionen einer Krebserkrankung erheblich beeinflussen. Damit zusammenhängend ist auch von einer höheren Komplikationsrate der onkologischen Therapien auszugehen, was sich in häufigeren Hospitalisierungen und Therapieabbrüchen widerspiegelt. Ein differenzierteres Therapiemanagement bei älteren Patient:innen ist daher essenziell.
Fehlende Evidenz für die Behandlung älterer Patient:innen
Der größte Teil der Evidenz sowie die Leitlinien unserer heute angewandten onkologischen Therapien basieren auf Ergebnissen von klinischen Studien, die in den wissenschaftlichen Gremien bewertet werden. Viele klinische Studien haben aber bisher ältere oder gebrechliche Patient:innen ausgeschlossen. Dadurch fehlt eine gesicherte Datenlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von Therapien bei dieser wichtigen Patientengruppe. Dies erschwert evidenzbasierte Entscheidungen in der klinischen Praxis.
Deshalb haben sich Fachgesellschaften wie die EORTC, SIOG oder DGHO und ÖGHO zum Ziel gesetzt, auf Basis der derzeit vorliegenden Informationen Leitlinien zur Betreuung älterer Krebspatient:innen zu erstellen und zu publizieren. Man muss aber zugeben, dass für die dabei gegebenen Empfehlungen relativ oft nur persönliche Erfahrungen, aber keine studienmäßige Evidenz zur Verfügung stehen.
Abb.: Altersverteilung onkologischer Patient:innen in Europa (nach Dekaden)
Geriatrische Assessments
Die Einschätzung der Therapiefähigkeit von älteren Patient:innen beruht in vielen onkologischen Institutionen nach wie vor auf einer eher oberflächlichen Schnellbeurteilung. Ein strukturiertes geriatrisches Assessment hilft besser, funktionelle Defizite zu identifizieren und Prognose, Lebenserwartung sowie Therapieziele realistisch einzuschätzen. Das wurde bereits in mehreren klinischen Studien festgestellt. Zu den etablierten Instrumenten gehören:
Diese Scores ermöglichen eine angepasste Therapiewahl und helfen, Über- oder Untertherapie zu vermeiden. Derzeit wird u.a. diskutiert, ob alle über 70-Jährigen verpflichtend einem geriatrischen Screening vor einem Tumorboardbeschluss unterzogen werden sollten. Die dazu notwendigen standardisierten Assessmentverfahren sind in der Geriatrie validiert, jedoch in der Onkologie nach wie vor in Diskussion, und ein klarer Konsens besteht noch nicht. Die Wirksamkeit des geriatrischen Assessments in der Betreuung älterer Krebspatient:innen wurde aber mittlerweile in Phase-III-Studien gezeigt. Das sogenannte pragmatische geriatrische Assessment (PGA) hat das Ziel, das Assessment zu vereinfachen und zu standardisieren. Eine Version in deutscher Sprache ist in Ausarbeitung.
Generell sind die möglichen onkologischen Behandlungsmethoden bei älteren Patient:innen nicht anders als bei jüngeren. Die geriatrische Onkologie versucht aber festzustellen, bei welchen Therapieschritten eventuell doch ein angepassteres Vorgehen notwendig ist.
Operative Therapien:
Ältere Patient:innen tragen ein erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen. Minimalinvasive Verfahren und Prähabilitationsprogramme können helfen, Risiken zu reduzieren.
Strahlentherapie:
Eine gleichwertige Wirksamkeit ist meist gegeben, aber die Strahlenempfindlichkeit kann im Alter zunehmen. Hypofraktionierte Schemata werden zunehmend bevorzugt.
Chemotherapie:
Toxizität und Verträglichkeit sind aufgrund fehlender Erfahrung schwer vorhersagbar, aber es ist doch von einer höheren Komplikationsrate auszugehen. Dosisreduktionen oder orale Regime können eine Option darstellen.
Zielgerichtete Therapien:
Diese werden oft besser vertragen, sind aber auch bei älteren Patient:innen bislang unzureichend untersucht. Auch hier fehlen oft Daten für gebrechliche Subgruppen.
Die derzeit bei uns gängige Praxis der Versorgung von älteren Krebspatient:innen ist noch in einigen Bereichen nicht befriedigend gelöst. Als mögliche Ansätze für eine Verbesserung wären anzuführen:
Ältere Krebspatient:innen stellen eine wachsende und heterogene Patientengruppe dar. Ihr Management erfordert individualisierte interdisziplinäre Konzepte unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die Kombination aus onkologischer und geriatrischer Expertise ist für eine qualitativ hochwertige, lebensqualitätsorientierte Versorgung notwendig. Ein entscheidender Ansatzpunkt ist die konsequente Anwendung standardisierter geriatrischer Assessments – auch durch Onkolog:innen selbst. Diese ermöglichen eine strukturierte Erfassung funktioneller Einschränkungen, Komorbiditäten und Therapieziele. Ihr Einsatz verbessert nachweislich die Therapieplanung und die Lebensqualität älterer Patient:innen.
Christoph Wiltschke, Reinhard Stauder
Ausgewählte Literatur: