Kommunikation bei älteren Menschen mit Krebserkrankung

Die Kommunikation zwischen Behandlerteams und Krebspatient:innen ist komplex. Dabei ist nicht nur die Unterschiedlichkeit der Betroffenen und ihrer Lebensumstände zu berücksichtigen, sondern es sind auch sehr unterschiedliche Gesprächssituationen, die es zu meistern gilt. Neben „Breaking Bad News“, z.B. der Übermittlung der Dia­gnose Krebs, kommen zahlreiche „Routinegespräche“ hinzu, wie Therapieplanungsgespräche, Verlaufskontrollen und Gespräche bei Therapienebenwirkungen, in denen relevante Informationen ausgetauscht werden.
Die Herausforderungen für gelungene Kommunikation sind bei Gesprächen mit älteren Krebspatient:innen besonders groß. Nicht selten ist das Gespräch durch Gebrechen wie Schwerhörigkeit oder eine reduzierte Aufmerksamkeitsspanne erschwert. Das Schaffen einer entsprechenden Umgebung für das Gespräch ohne Unterbrechungen sowie das Erfragen und zugleich Erweitern des Kenntnisstandes sind bei älteren Menschen besonders wichtig, werden jedoch im klinischen Alltag oftmals nicht ausreichend berücksichtigt. Dadurch ist auch die Befähigung älterer Menschen, sich aktiv in ihre Behandlung einzubringen („Empowerment for Shared Deci­sion“), oftmals nicht gegeben. Bei älteren Krebspatient:innen wird nachgewiesenermaßen mehr Zeit benötigt, damit sie ihre Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche äußern können und nicht die der Angehörigen oder des Behandlerteams zu ihren „Wünschen“ werden.

Der vorliegende Beitrag beleuchtet im Kontext der genannten Herausforderungen Maßnahmen einerseits auf Ebene der Gesundheitseinrichtungen und andererseits der Gesundheitspolitik zur Verbesserung einer altersgerechten Kommunikation.

Maßnahmen in Gesundheitseinrichtungen

Eine nachhaltige Verbesserung der Kommunikation mit älteren Patient:innen braucht neben einem echten Bekenntnis der Führungsebene eine qualitätsgesicherte Umsetzung im klinischen Alltag. Die Maßnahmen können gegliedert werden in a) optimale Rahmenbedingungen für Gespräche und b) Patientenzentrierung im Gespräch.

Optimale Rahmenbedingungen für Gespräche
Bei den Rahmenbedingungen sollte man auf Empfehlungen onkologischer oder geriatrischer Fachgesellschaften zurückgreifen, wie z.B. die praxisorien­tierten Empfehlungen­ (Guidelines) des Natio­nal Comprehensive Cancer Network (NCCN). Beispielsweise sollte vor Gesprächsstart darauf geachtet werden, ob der Patient bzw. die Patientin auf einem Ohr besser hört als auf dem anderen, und eine entsprechende Sitzposition eingenommen werden. Der Stuhl des Patienten bzw. der Patientin sollte sich für eine bessere Akustik direkt vor einer Wand befinden. Schriftliche oder bildliche Unterlagen unterstützen das Gesagte und sollen eine entsprechend große und lesbare Schriftgröße haben. Standards der Geriatrie wie das Sprechen „Face to Face“ oder das Wählen einer adäquaten Stimmlautstärke sollten auch in der Onkologie Standard werden. Aus der Geriatrie ist bekannt, dass gerade bei älteren Patient:innen das Hinzuziehen eines/einer definierten Angehörigen („Care Giver“) sinnvoll ist. 

Ältere Patient:innen sind in der Kommunikation verunsichert, wenn durch den Wechsel der Zu­ständigkeiten wichtige Informationen verloren gehen oder es keinen dezidierten ärztlichen Hauptansprechpartner:in gibt. Im Behandlerteam werden Informationen zur Lebenssituation und zu den Wünschen der Patient:innen oftmals unvollständig dokumentiert bzw. weitergegeben. Ältere Patient:innen verstehen nur schwer die Bedeutung supportiver Therapieangebote wie Cancer Nurse, Psychoonkologie, Ernährungsmedizin oder Sozialarbeit. Es fehlt hier oftmals an einem klar definierten Patientenpfad, der die Zusammenstellung eines individuellen Angebots für die Betroffenen vorgibt. Auch beim Ausfüllen von Screeningbögen zur Erfassung von Patient-reported Out-­comes tun sich ältere Menschen schwer. Bei älteren Personen kann die Dauer bis zur Therapieentscheidung länger sein. Das wird im schnell ablaufenden Klinikalltag nur selten berücksichtigt.  In allen angeführten Punkten können durch Prozessänderungen nachhaltige Verbesserungen erzielt werden.

Patientenzentrierung im Gespräch 
Wie im Krebsreport 2024 berichtet, ist Kommunikation trainierbar.1 Eine gute Gesprächsqualität kann nachweislich Gesundheitsoutcomes, die Patientenzufriedenheit sowie die Patientensicherheit verbessern. Seit 2022 wird im Rahmen einer nationalen Strategie an einer Verbesserung der Gesprächsqualität im österreichischen Gesundheitswesen gearbeitet und immer mehr Spitäler bieten ihren Mitarbeiter:innen ein Kommunikationstraining gemäß der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖPGK) an. Dieses Training enthält zahlreiche Kommunikationsfertigkeiten, die gerade für Gespräche mit älteren Menschen sinnvoll sind, wie z.B. den Einsatz kurzer, gut verständlicher Sätze und das gezielte Prüfen des Verständnisses.

Gesundheitspolitische Maßnahmen

Viele der zuvor genannten Maßnahmen in Gesundheitseinrichtungen können durch gesundheitspolitische Maßnahmen positiv verstärkt werden. Daher sollten bereits bestehende Initiativen maximal unterstützt und weiterentwickelt werden.

Ausbau von Kommunikationstrainings 
Alle gesundheitspolitischen Stakeholder sollten sich der Wichtigkeit einer guten Kommunikation im Gesundheitswesen bewusst sein und die Spitäler unterstützen, Kommunikationstrainings als selbstverständlichen Teil ihrer Personalentwicklung zu implementieren. Dies ist umso wichtiger, als gute Kommunikationsqualität die Behandlerzufriedenheit steigert und Fachkräfte so vermutlich auch besser im Beruf gehalten werden können. Kommunikationstrainings sollten daher im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) eingefordert werden. 
Als eine weitere wichtige Maßnahme sollten Bund und Länder Kommunikationstrainings gemäß der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖPGK) weiterhin großzügig finanziell unterstützen. Die verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften sollten im Curriculum der postgraduellen Ausbildung den Nachweis eines Kommunikationstrainings verankern. Dies gilt auch für andere Berufsgruppen.

Trainings für die Kommunikation mit älteren (Krebs-)Patient:innen
Basierend auf der oben genannten nationalen Initiative für eine bessere Kommunikation im Gesundheitswesen gemäß ÖPGK sollten Trainingsmodule für die Kommunikation mit älteren Menschen erarbeitet werden. Diese umfassen das Training von Fertigkeiten für eine optimierte partizipative Entscheidungsfindung bei älteren Menschen wie auch den Einsatz von altersgerechten Kommunikationsmitteln.

Entwicklung nationaler Standards und Qualitätsindikatoren für gute Kommunikation
Als Zielorientierung für Gesundheitseinrichtungen sollten nationale Standards wie auch Qualitätsindikatoren für Patientengespräche mit älteren Menschen erstellt werden. Beispielsweise könnten Aufklärungsgespräche vertieft dokumentiert werden (schriftlich oder durch Video-/Tonaufzeichnung). Im Gesprächsprotokoll (Qualitätsindikator) sollten die Umsetzung des Spikes-Modells, die Gesprächsinhalte inkl. Patientenbedürfnisse sowie die zeitliche Dauer des Gesprächs festgehalten werden. Für die Verlaufsdokumentation des Patientenbefindens sollten Patient-reported Outcomes verpflichtend erhoben werden (digital oder analog). Spitäler, in denen die Vorgaben nachweislich erfüllt werden, könnten ein „Gütesiegel“ erhalten (analog zu „Selbsthilfefreundliches Spital“).

 

Ansgar Weltermann

 

1 Sator M, Kölldorfer B: Gute Gespräche bringen allen was: Patientenzentrierte Gesprächsführung in der Onkologie trainieren. Krebsreport 2024, 77ff